geruestet

Augsburger Allgemeine vom 8. sept. 2007 // von Angela Bachmair

Vor 400 Jahren, im Jahr 1607, vollendete Elias Holl das Zeughaus, das erste Projekt, das der frisch gebackene Augsburger Stadtwerkmeister übernommen hatte. Schon um 1600 hatte Holls Vorgänger Jakob Eschay damit begonnen, das Kornhausumzubauen, daran im 90-Grad- Winkel einen Neubau anzuschließen und aus beidem das reichsstädtische Waffenarsenal zu machen. Nach den Unruhen des Kalenderstreits (Katholiken und Protestanten stritten 1584 ziemlich gewalttätig über die Annahme des gregorianischen Kalenders) wollte der Magistrat ein zentrales größeres Haus haben, in dem bei Aufständen oder Angriffen Waffen und Munition für die Stadtwache griffbereit wären. Fünf Jahre lang war Elias Holl mit dem Zeughaus befasst, und seine erste große Bauaufgabe brachte ihm gleich einen dauerhaften Platz in der Kunstgeschichte ein. Umso grotesker wirkt, dass in den odernisierungswütigen 1960er Jahren das Zeughaus für eine Kaufhaus-Erweiterung abgerissen werden sollte; nur die Fassade sollte als Kulisse dienen. Holl schuf einen schlichten, aber massigen dreigeschossigen Zweckbau mit glatter Fassade und unauffälligen Fenstern. Beide Gebäudeflügel
spannte er unter einem Dachfirst zusammen, dazwischen entstand ein Hof, im Gelenk steht der
quadratische Treppenturm. Die heutigen rundbogigen Fenstertüren des Erdgeschosses gab es ursprünglich nicht; sie wurden erst 1895 für die Feuerwehr angelegt. Nahezu unverändert seit 400 Jahren sind der viergeschossige Dachstuhl und die dreischiffige Erdgeschoß-Halle mit ihren Säulen m toskanischen Maß. Zu der simplen, klaren Gebäudekonzeption steht die nach Osten gerichtete Schaufassade in einem gewaltigen Gegensatz. Entworfen hat sie vermutlich der Maler Joseph Heintz, ein „guter Kenner der oberitalienischen Architektur“ (Bernd Roeck). Elias Holl baute nach der Zeichnung von Heintz eine Fülle von Dekorationsmotiven, die allesamt den wehrhaften Charakter des
Hauses betonen: Geschuppte Voluten, die in den Sichtraum hinausragen; Eckpilaster, die wie mit Bändern an die Mauer geschmiedet erscheinen; ein wuchtig bossierter Sockel, gesprengte Giebel sowie streng axial aufgebaute Pilaster und Gesimse – alles von einer geradezu herrischen
Kraft, und oben drauf thront die Zirbelnuss.

Ein gebautes Monument städtischer Wehrhaftigkeit
Mit dem Zeughaus-Fassade wollte die Reichsstadt demonstrieren, wie wehrhaft, ja unschlagbar sie war. Der spektakuläre Höhepunkt dieser Schaufassade aber ist die bronzene Michaelsgruppe über dem Portal, die Hans Reichle rechtzeitig zum Bauabschluss 1607 fertigte. Reichle, der bei Giambologna in Florenz studiert hatte und nun als dritter im Bunde italienische Kunst am Zeughaus
realisierte, lässt den Erzengel quasi mit heroischer Grandezza über den Satan siegen. Geradezu
leichtfüßig tritt Michael dem gestürzten Bösen in die Weichteileund Halleluja singen dazu die fahnenschwingenden Putten. Die monumentale Figurengruppe beleuchtet erneut das Augsburger
nachreformatorische Klima, in dem wütende Auseinandersetzung zwischen den Konfessionen an der Tagesordnung waren. Wie der Engel den Teufel trete und mit dem Schwert schlage, so müssten alle Lutherischen getreten und ausgerottet werden, las die katholische Seite die gegenreformatorische Botschaft des Kunstwerks.


Michael – ein Botschafter der Gegenreformation?
Im Gegenzug wurden von protestantischer Seite solche Schmähung dem katholischen „Pöbel“ angelastet. Der Protestant Elias Holl jedenfalls platzierte die Skulptur direkt über dem Portal. Michael reckt sein Schwert in den Okulus, das ovale Fenster hinein, die Putten rangeln auf dem Gebälk. Architektur und Bildhauerkunst fänden hier zum „unübertrefflichen Zusammenklang“ rühmte Georg Dehio. Für Elias Holl scheint allerdings der künstlerische Wert seines Werks nicht so wichtig gewesen zu sein, vielmehr betonte er seine Ingenieurleistung. Um die tonnenschwere Skulpturengruppe auf die
Fassade zu hieven, hatte er spezielle Flaschenzüge entwickelt. „Unter den staunenden Blicken des Publikums. . . gelang das Unternehmen, ohne dass jemand zu Schaden kam“, schreibt Holl-Biograf Bernd Roeck.