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helmut haug

gerüstet

helmut haug
pfarrer der moritzkirche
augsburg


11.9.2006

 

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Zwei Flugzeuge steuern hintereinander auf die weltberühmten Twintowers des World Trade Center in New York zu und schlagen in den Hochhäusern ein: zunächst Flammen und Rauch aus dem verwundeten Gebäude und dann, kurze Zeit später, der Kollaps beider Türme hintereinander. Die wenigen Worte reichen aus, um dieses Ereignis, das am 11. September 2001 die ganze Welt in Atem hielt, wieder lebendig werden zu lassen. Wahrscheinlich erinnern auch Sie sich noch daran, unter welchen Umständen Sie davon erfuhren. Viele haben dann am Abend dieses Tages mit einer Mischung aus Ungläubigkeit und Fassungslosigkeit die Bilder auf dem Fernsehschirm betrachtet; Bildsequenzen, die wieder und wieder zu sehen waren, so dass allmählich der ganze Schrecken dieses Geschehens ins Bewusstsein drang. Mit den Aufräumungsarbeiten, deren Umstände wohl niemand vollkommen ermessen kann, der nicht vor Ort dabei war, ging auch eine über Monate, ja Jahre sich ziehende soziokulturelle Aufarbeitung einher. Ähnlich wie bei den Atombombenabwürfen in Japan am Ende des zweiten Weltkrieges schien hier eine bisher nicht da gewesene, neue Kraft am Wirken zu sein, so dass manche gar den 11. September 2001 wie eine geschichtliche Zäsur, wie den Beginn einer neuen Zeitrechnung betrachteten. Zweifellos wurde an diesem Tag der ganzen so genannten westlichen Welt überdeutlich vor Augen geführt, dass nach der Zeit des Kalten Krieges und einer Zeit, die vom Schlagwort des“Wettrüstens” geprägt war, nun etwas Neues die Politik und das gesellschaftliche Bewusstsein prägen sollte. Eindringlich und zutiefst erschütternd offenbarte sich der historische Vorgang, der auf ein Vergehen des nationalstaatlichen Denkens und der bis dahin traditionellen Kriegsführung hinzuweisen scheint. Das Schlagwort vom internationalen Terrorismus beherrscht seitdem das öffentliche Interesse - bis hinein in das heutige politische Geschehen. Die holzschnittartige Einteilung der Welt in gute und böse Staaten versucht dem Verschwinden einer bisher gültigen Ordnung Einhalt zu gebieten. Steckt dahinter nicht ein anachronistisches und deshalb auch verzweifeltes Festhalten an Denkstrukturen, die abhanden zu kommen scheinen?
Welche Kräfte aber bestimmen das Miteinander der Menschen und den Lauf der Geschichte? Und: Kann der Mensch in seinem bruchstückhaften Erkennen überhaupt angemessen gerüstet sein für die Herausforderungen und Unabwägbarkeiten des Lebens?

Das ist der Punkt, wo aktuelles und historisches Geschehen mit der Kunstaktion “gerüstet” hier im Augsburger Zeughaus zusammentrifft. Das ist gleichfalls der Punkt, an dem ich mich als Theologe vom unsicheren politischen Terrain, auf das spirituelle begebe, das mir angemessen ist, das
aber gleichwohl mit dem politischen auf eine Weise verschränkt ist, die zu entdecken ich Ihnen anheim stelle. Bekanntlich beginnt in der Bibel alles mit Adam und Eva. Sie erinnern sich, dass das erste Menschenpaar in Konflikt mit den paradiesischen Lebensbedingungen kam und deshalb aus eben diesem Paradies, dem Ort des harmonischen Zusammenspiels der ganzen Schöpfung, verstoßen
wurde. Damit einher ging das Bewusstsein von Nacktheit, Blöße und Schutzbedürftigkeit. Die Schürzen aus Feigenblättern waren sozusagen die erste Rüstung, gefolgt von Röcken aus Fellen, die Gott selbst für Adam und Eva anfertigte. Mit der Vertreibung aus dem Paradies beginnt dann - hier fasse ich die biblischen Ausführungen ein wenig zusammen - ein menschheitsgeschichtliches Wettrüsten; ein Rüsten, bei dem es letztlich doch um nichts anderes geht als die Bedeckung von Blöße, um das Kaschieren der Hinfälligkeit menschlichen Daseins, um Scham, Heischen nach Ansehen und
Angst vor Verlust. Dieses Rüsten führte meist zu Gewalt und Krieg, im besten Falle aber zu Kultur und der dahinter verborgenen Sehnsucht nach dem verlorenen Paradies. Sie sehen, dass ich damit den biblischen Schöpfungsmythen eine große Deutungshoheit hinsichtlich des Menschen und seines Platzes in der Welt beimesse. Dennoch oder vielleicht gerade deswegen sind diese Erzählungen
alles andere als eindeutig. Sie bewahren in sich immer auch Reste von Unzugänglichkeit und Geheimnis. Deshalb halte ich sie auch durchaus für geeignet, um den Bedeutungen des Begriffs der Rüstung nachzuspüren. Ist doch auch die Herkunft des deutschen Wortes vielschichtig. Anders als in den romanischen Sprachen, wo die Rüstung, l’armatura, l’armure, immer auch etwas mit lat. arma, “Waffen” zu tun hat, beinhaltet das deutsche Wort auch Bedeutungen wie Schmuck, Schutz oder auch Schatz. Rüstungen können eben auch zur Zier eines Menschen oder eines Gemeinwesens werden. Mit dem Gerüst wird Halt auf unsicherem Gebiet erzeugt; das Gerüst wird zur Wiederherstellung bzw. Errichtung von materiellen und immateriellen Gebäuden und Komplexen benötigt. So ist es gerade diese Vielschichtigkeit, ja Uneindeutigkeit, die sich durch die Geschichte der jüdisch/christlichen Religion zieht, wenn man den Begriff der Rüstung, das Zurüsten bzw. das Gerüstet-Sein betrachten will. Vermutlich sind solche Prozesse in allen Religionen nachzuweisen.

Ich möchte im Folgenden eine kleine Geschichte unseres Begriffs im Hinblick auf die christliche Religion versuchen - wohl wissend, dass das in diesem Kontext nur skizzenhaft geschehen kann. Der Begriff der Rüstung scheint mir nämlich durchaus geeignet, einige von den viel zitierten Wurzeln der europäischen Kultur zu erspüren.
Nachdem die junge judenchristliche Gemeinde - von den Zeitgenossen zunächst einmal als eine jüdische Sekte betrachtet - immer stärker anwuchs, kam es auch mehr und mehr zu Konflikten und Auseinandersetzungen mit den hohen Vertretern des Judentums, welche letztendlich zum Ausschluss der Christen aus der Synagoge führten. Dieser erste Schock der jungen Kirche wirkte hinein in ihre Theologie. Man sah sich von Anfang an mit Gegnern des eigenen Glaubens konfrontiert und hatte sich für diese Auseinandersetzungen entsprechend zu wappnen und zu rüsten. Auch innerhalb der Gemeinschaft wurde gestritten - vor allem darum, ob eine Ausweitung der Glaubensgemeinschaft auf den so genannten heidnischen Bereich erlaubt sei, ob tatsächlich auch Unbeschnittene zu Christen werden könnten. Mit Paulus wurde dieser Schritt schließlich getan und die Zerstörung Jerusalems durch die Römer im Jahre 70 gab dazu noch einen weiteren wichtigen Impuls. Paulus war es auch, der in seinen Briefen immer wieder das Bild des Kampfes und der Rüstung ins Bewusstsein der nach Orientierung suchenden jungen Gemeinden bringt. So z.B. im Philipperbrief, gleich im ersten Kapitel:“Ich möchte hören, dass ihr einmütig für den Glauben an das Evangelium kämpft.” Freilich war es von Anfang an unvorstellbar, dass die Ausrüstung für diesen Kampf veritable Waffen seien - das hätte man mit Leben und Sterben des Jesus von Nazareth niemals vereinbaren können -, sondern die Ausrüstung waren stets Weisheit und die Kraft des Wortes, die den jungen Christen zur Standhaftigkeit in allen Auseinandersetzungen verhelfen sollte. Ich zitiere einige Passagen aus der paulinischen Briefliteratur:

“Darum lasst uns ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen
des Lichtes” (Röm 13,12).
“In allem erweisen wir uns als Gottes Diener: mit den Waffen der
Gerechtigkeit in der Rechten und in der Linken” (2Kor 6,7).
“Wir leben zwar in dieser Welt, kämpfen aber nicht mit den Waffen dieser
Welt” (2Kor 10,3).
“Die Waffen, die wir bei unserem Feldzug einsetzen, sind nicht irdisch, aber
sie haben durch Gott die Macht, Festungen zu schleifen; mit ihnen reißen wir
alle hohen Gedankengebäude nieder” (ebd. 10,4).
Darüber hinaus vergleicht Paulus das christliche Leben auch mit dem Wettkampf im Stadion, zu dem die Sportler sich mit harten Entbehrungen und strenger Askese rüsten. Nur so bestehe die Möglichkeit, den Siegeskranz, d.h. das Leben schlechthin zu erlangen. Hier werden bereits Tendenzen deutlich, die auf eine Entwicklung im Denken der frühen Christen hinweisen. Lebte man zunächst noch in der Naherwartung des wiederkommenden Christus, so wurde doch mit den Jahren deutlich, dass sich dieses Erscheinen verzögert und deshalb eine gute Ausrüstung für den Kampf in dieser Welt notwendig erschien: Regeln des Zusammenlebens und eine christliche Moral. Mehr und mehr wird das Leben in dieser Welt im letzten auch als Kampf gegen die Mächte der Finsternis und des Bösen gesehen. Der Christ/die Christin ist also im Innersten angreifbar und verwundbar. So heißt es dann im
Epheserbrief, in dem sich bereits eine nachpaulinische Theologie entfaltet:“Zieht die Rüstung Gottes an, damit ihr den listigen Anschlägen des Teufels widerstehen könnt.”
Nun ist Religion ja bei weitem nicht nur Theologie, sondern sie muss sich immer auch sinnenfällig im Alltag ihrer Gläubigen zeigen. So haben sich diese Auffassungen im Ritual der Taufe iedergeschlagen. Vor dem eigentlichen Taufakt sollte eine Zeit der Vorbereitung sein. Während dieser Zeit wurden die
Taufbewerber mit dem so genannten Katechumenenöl auf der Brust gesalbt. Dies erinnerte an die Gladiatoren in den Stadien, die ihre Körper mit Öl einrieben, damit sie für den Gegner nicht so leicht greifbar wären. Die künftigen Christen wurden mit Öl gesalbt, damit sie für den Kampf mit dem
Bösen gut gerüstet und weniger angreifbar wären. Nach der Taufe dann erhalten sie ein neues Gewand, sozusagen die Rüstung für das künftige Leben in der Welt. Dabei handelt es sich aber nicht um einen Panzer, sondern um ein luftiges weißes, schlichtes Kleid, das bereits an die Auferstehung, an die für alle Menschen gleiche Würde und an die Hoffnung auf das Paradies erinnern soll.
Zusammenfassend kann man im Hinblick auf die biblischen Text und auf das Leben der frühen Gemeinde sagen, dass die Ausrüstung und Zier der Christinnen und Christen in der Zuversicht, der Hoffnung, der festenÜberzeugung und in der Wortgewalt, manchmal sogar im Wortwitz bestehen.
Am deutlichsten wurde dies, als die Zeit der großen Not, der Christenverfolgung anbrach. Mit Fug und Recht kann man behaupten, dass die christliche Kirche auf dem Zeugnis der Märtyrer ruht. Märtyrer im
christlichen Sinne sind nun aber diejenigen, die mit besagter Ausrüstung in den passiven Widerstand zogen und oft genug auf grausame Weise - nackt und bloß - ihr Leben gelassen haben. Sie galten den späteren Generationen als die großen Vorbilder. Interessanterweise finden wir gerade in dieser Zeit
der Verfolgung, um die Wende vom 3. zum 4. Jahrhundert, sehr viele Soldatenmärtyrer. Der christliche Glaube scheint sich vor allem in den Milieus, in denen Menschen wenig bzw. keine Selbstbestimmung hatten, schnell verbreitet zu haben. Zu diesen Soldatenmärtyrern gehört nun auch der Hl. Mauritius, der Patron unserer Moritzkirche, der zusammen mit seinen Gefährten während der Christenverfolgung des Kaisers Diokletian und seines Mitregenten Maximian sein Leben geopfert hat. Lassen Sie mich kurz die Legende skizzieren:

Mauritius, so heißt es, war Hauptmann der so genannten Thebäischen Legion, einer Elitetruppe des römischen Reiches. Seine Herkunft wird damit in Oberägypten gesehen, weshalb er in der Kunstgeschichte häufig als Schwarzer dargestellt wird. Es heißt in einem Legendenstrang, dass er mit
seiner Legion nach Agaunum, ins Gebiet des heutigen Wallis transferiert wurde, um dort einen ufstand niederzuschlagen. Mauritius, der bereits Christ geworden war, weigerte sich aber, den Dienst an den Waffen zu tun. Der Regent befahl daraufhin, jeden zehnten Mann der Legion hinzurichten. Mauritius aber beschwor seine Kameraden, standhaft zu bleiben. Die Dezimierung wurde dann solange fortgesetzt, bis die gesamte Legion umgebracht worden war. Wir sehen also hier das Beispiel eines klassischen frühchristlichen Märtyrers, der ganz im Sinne der damaligen Überzeugung auf seine bisherige Ausrüstung verzichtet hat, um mit den eben erwähnten Waffen des Lichtes zu kämpfen.

Nun hat aber auch ein Heiliger seine Verehrungsgeschichte und gerade an der Gestalt des Mauritius kann man deutlich ablesen, was die konstantinsche Wende für die Christenheit an Veränderungen gebracht hat. Plötzlich war diese neue Religion nun zur Staatskirche erhoben und es entstanden die so genannten christlichen Reiche, die wir aus der Geschichte kennen - Reiche, die jetzt allerdings sehr wohl wieder zu den irdischen Waffen griffen, um ihre Gegner wirksam bekämpfen und ihre Macht behaupten zu können. Das Kreuz auf den Fahnen zog man in grausame Kriege. Eine vollkommen neue Situation ist eingetreten, in der der ursprüngliche christliche Gedanke so weit gedehnt wurde, dass die Waffengänge von den kirchlichen Autoritäten abgesegnet wurden.

Die christlichen Herrscher brauchten dann auch eigene Heilige als Hauspatrone, die den besonderen Schutz des jeweiligen Reiches sichern sollten. So wählte sich Otto der Große für sein Haus den Heiligen Mauritius. Der Mauritiusdom in Magdeburg ist Stein gewordener Höhepunkt der Verehrung dieses frühchristlichen Soldaten im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation. Kaiser Otto ließ bei der Schlacht auf dem Lechfeld die Mauritiuslanze, die zum Reichsschatz gehörte, voraus tragen. Einer seiner Nachfahren, Bischof Brun von Augsburg, hat dann im Jahre 1019 seinen Hauspatron nochmals geehrt und das Kollegiatstift St. Moritz in Augsburg gegründet. Mauritius galt hier in der Reichsstadt unter anderem auch als Patron der Stadtsoldaten und Wächter.
Selbst bei den habsburgischen Herrschern erfreute sich dieser Heilige noch großer Beliebtheit. So wollte Philipp II. von Spanien die große Kirche seines Escorial dem Hl. Mauritius weihen und beauftragte daher den Künstler El Greco, das Hochaltarbild mit dem Martyrium des Heiligen zu malen. El Greco aber sah das eigentlich Wichtige dieser Gestalt nicht im Akt der Hinrichtung, die er nur marginal am linken Bildrand andeutet. Er malte vielmehr ins Zentrum Mauritius ohne Waffen, wie er mit seinen Gefährten leidenschaftlich diskutiert und sie zur Standhaftigkeit ermutigt. Dahinter stehen gleichsam als Zuschauer einige bewaffnete Männer des spanischen Heeres. Dem König hat
dieses Bild, das so gar nicht der gängigen Propaganda entsprach, nie gefallen und so ließ er es nicht in der Kirche anbringen, sondern verbannte es in einen nicht zugänglichen Saal des Schlosses. Möglicherweise aber war El Greco auf der richtigen Spur zur Deutung des Geschehens für die Gegenwart. Der Künstler wollte die spirituelle Rüstung der Christen darstellen. Die christlichen Kirchen mussten das in einem Jahrhunderte langen und teilweise sehr schmerzhaften Prozess wieder lernen. So meine ich, in der Vielschichtigkeit des Begriffs der Rüstung und des Gerüstet-Seins, die sich nicht zuletzt in der Begriffsgeschichte äußert, immer auch den roten Faden einer ganz ursprünglichen Spiritualität zu entdecken, einer Spiritualität, die sich - wie ich auszuführen versuchte - gleichsam gegen das allgemeine Wettrüsten zu stellen versucht. Sie weiß, dass es für die Wechselfälle des Lebens keine angemessene Rüstung gibt; denn sie verkörpert die Ahnung auf eine Rückkehr in das verlorene Paradies und sucht, um dorthin zu gelangen, eine Art von Gegenrüstung. Sie ist zeitlos und doch nur in den Formen der jeweiligen Zeit zu erkennen. Sie ist zurückhaltend und gelassen und kann gerade in dieser Haltung, die ihr möglicherweise als Passivität ausgelegt wird, das Gewalttätige und Starre in Bewegung versetzen. Sie braucht sich vor nichts zu schämen. Deshalb tritt sie nicht in Waffen strotzendem Panzer auf, sondern im leichten Gewand der Unbefangenheit.
Das ist ihr Schutz und Rüstung genug.
Diese Art von Zurüstung meine ich in manchen Werken, die hier im Zeughaus
temporär installiert wurden, zu entdecken.